Da gibt es einen Ort

Da gibt es einen Wald, den man heilig nennt, der für eine kurze Zeit voller goldener Blüten steht, der über den Gotthard leuchtet bis in deinen Traum. Ein Wald, in dem alte Goldregenbäume im späten Frühling für eine kurze Zeit blühen wie ein flüchtiges Wunder, denn du musst Glück haben, musst zum richtigen Zeitpunkt an Rapsfeldern und Balkongeländern vorbei durch den Gotthard im Süden landen, um das Wunder zu finden.

Wenn du dich auf den Weg machst, um diesen Wald zu suchen, der schon im Mittelalter unter Naturschutz stand, wirst du an Felsblöcken und Farn vorbei auf alten Säumer-Pfaden höher und höher steigen, bis du zwischen Birken und Erlen ins Tal blickst und dort das ruhige Blau des Sees entdeckst.

Jeder Wald ist ein Tor in eine andere Zeit, jeder Wald hat ein uraltes Herz. Also bittest du um Erlaubnis, bevor du eintrittst in diesen Ort, der mehr weiss als du, der ein heiliger Raum, ein Zuhause ist, aber nicht für dich. Auf eine wunderbare Art ist es dem Wald egal, ob es dich gibt oder nicht, ob du ihn betrachtest oder nicht. Er existiert und blüht und atmet, selbst wenn er unauffindbar bleibt. Er ist ein Ort, in dem allem dieselbe Wichtigkeit oder Unwichtigkeit zugemessen wird, der Ameise und der Blüte, dem Abendwind und dem Stein.

Immer tiefer tauchst du in ein Bild aus mehrschichtigem Grün: kühles, helles Grün, blaustichiges Grün, sattes, dunkles Grün, so schichtet sich der Wald vor deinen Augen auf. Du denkst an die Maler, die nach dem perfekten Grün strebten, die den dürftigen Rohmaterialien die richtigen Töne zu entlocken versuchten, um ein Abbild zu schaffen, um festzuhalten, was sie bewegte.

Und plötzlich ist da ein Hauch, fast wie ein Lichtschleier, der stellenweise durch den Wald schwebt, dichter wird, gelbe Tupfer im Grün, die von weit her leuchten, bis du nahe genug kommst und siehst: Es sind Sträucher, die über Jahrhunderte hinweg zu Bäumen gewachsen sind, ihr Holz dunkel gemasert. Sie stehen mitten im Farn mit unzähligen gold-gelben Blüten, die von den Ästen hängen wie ein Glockenspiel. Du denkst an geschmückte Tempel mit Gaben für etwas, was die Kostbarkeit des Daseins ehren will, für Pan vielleicht oder das Leben selbst. Wenn die Blüten sich im Wind leicht bewegen erzählen sie von einem tieferen Glück, einer grösseren Freude. Sie verströmen einen süssen Geruch, fast wie von einem Tier und du weisst, dass du sie nicht berühren darfst, denn sie sind hochgiftig wie das Pigment Rauschgelb, an welches dich die Farbe der Blüten erinnert, ein kanariengelbes Sulfid, das zu 60 Prozent aus Arsen besteht, und einer der beiden Gelbtöne war, welche die Maler im alten Ägypten benutzten, um das Grab des Tutanchamun zu zieren.

Es ist, als wäre das Gelb auch hier eine Verbindung mit dem Unsichtbaren, als würden die Blüten sagen, komm, setz dich unter den Baum und atme mit offenen Augen, werde langsamer und langsamer. Betrachte das Lichtspiel zwischen den Bäumen, wie das Licht durch die Kronen, durch die Stockwerke auf die Blüten, auf den Boden fällt, vollkommen ahnungslos und ohne Absicht. Wie ein Echo in der Kathedrale des Sommers.

Und du erinnerst dich, dass auch Königliche Paläste im alten China durch gelbe Dächer gekennzeichnet waren. Du denkst, Gelb führt ein weitschweifendes, vielseitiges Leben.

Du legst deinen Kopf in den Nacken und betrachtest die Kronen. Siehst, wie sanft sie sich bewegen und weisst, sie werden sich ausdehnen bis in den Herbst. Ob es jemals schläft im Inneren der Bäume.

In der Ferne gehen die Felswände steil hoch. Bucklig und vernarbt bilden sie das Rückgrat eines schlafenden Tieres.

Der Wald hat ein uraltes Herz. Nichts verwirrt ihn, nicht du, die ihn aufsuchst und hier sitzt, nicht der Beginn einer Jahreszeit, noch dieses heftige Blühen immer und immer wieder für eine kurze Zeit. Du beginnst diesen Herzschlag zu fühlen und hörst wie er sagt: Los, verlier dich im letzten Nachmittagssonnenlicht. Verlier all die Bilder, die du von dir hast. Werde unvorhersehbar und leicht. Schlag ein paar Haken, leg dich ins Gras. Empfange. Diese wilde unfassbare Welt. Wie sie gibt und gibt, wie auch du ein Teil davon bist.

Im letzten Licht des Tages siehst du, wie sich zuerst alles noch einmal verstärkt, bevor es langsam verlöscht. Die hellen Stämme der Birken flimmern und in der Ferne ruft ein Vogel, als wiesen sie dir den Weg zurück.